VIOLET

Die Wasserhexe und der Totengott

Dilogie

Urban Fantasy Entwicklungsroman | Genre Romance und Suspense

Von I. B. Zimmermann

Berlin ist in einem schlechten Zustand: Die ganze Stadt versinkt in Untoten.

Während die Normalsterblichen wenig davon mitbekommen, ist der thaumaturgische Notdienst völlig überlastet.
Die Hexe Violet steht kurz vor einem Burn-out. Die täglichen Strapazen zwischen magischen Notfällen und ihrem Job als Betreuerin für Übernatürliche haben sie zerfressen. Ein Bezirkswechsel und der damit einhergehende Umzug zu ihrer Wahlfamilie sollten der Ausweg sein, aber nun muss sie zugeben, dass sie ihre Grenzen längst überschritten hat.

Gerade als sie den Entschluss fasst, ihre Wassermagie endlich einmal zum Löschen der eigenen Brände zu nutzen, geht die Welt ihrer besten Freundin in Flammen auf. Violet hat oft verloren, in vielen ihrer Leben, und immer bis zum Ende gekämpft. Aber nun scheint sie nicht länger die Kraft dafür zu besitzen.

Gegen jede Regel bittet Violet die Göttlichen um Hilfe – und schmiedet ausgerechnet mit dem Totengott Thanatos einen Pakt. Während sie versucht, das Schicksal ihrer Freundin zum Guten zu wenden, geraten die Untoten Berlins endgültig außer Kontrolle. Völlig unerwartet könnte Violets Pakt mit dem Tod die einzige Chance sein, um die Stadt vor dem Untergang zu retten.

Wie gut, dass der griechische Gott mit dem schwermütigen Herzen ihr ohnehin nicht mehr aus dem Kopf geht.

Doch jeder Pakt hat seinen Haken.

Inhaltsangaben und Content Notes gibt es ganz auf dieser Webseite.

  • Kapitel 1 - Wie viele Zombies braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln?

    Es war einer jener seltenen Momente, an denen sie es bereute, keinen Hexenbesen mehr zu besitzen. Allerdings müsste sie heutzutage für jeden Einsatz ein Formular ausfüllen. Nicht, dass sie die Neuzeit vermisste, lieber fünfmal Bürokratie als einmal Scheiterhaufen – aber so etwas wie Stau hatte es damals nicht gegeben – und selbst wenn, sie wäre einfach über ihn hinweggeflogen. Stattdessen kurvte Violet mit Mühe auf der regennassen Straße um die stehenden Autos herum und umklammerte dabei fest die Griffe eines Motorrads. Ihre Schutzkleidung zwickte sie in die Seite, der Helm drückte, so hastig hatte sie alles angelegt. Gerade erst kam sie vom Friseur mit frisch erneuertem, fliederfarbenem Haar, nur um ihren Wolfcut jetzt platt zu drücken. Gemütlicher Samstag und Kinoabend ade. Wenigstens musste sie sich so keine Ausrede einfallen lassen, um abzusagen. Nicht ihre Nacht. Schlaflos und voller Albträume. Nicht ihr Tag. Nicht ihre Woche. Schon gar nicht ihr Monat. An die zwei vergangenen Jahre wollte sie gar nicht weiterdenken.

    Wie zur Untermauerung ihrer Gedanken schwang eine Autotür auf, und Violet konnte gerade so vor dem dunkelblauen SUV bremsen, der die Rettungsgasse drastisch verengte. Das blassweiße Gesicht eines Mannes mit weit aufgerissenen Augen starrte ihr entgegen.

    »Verzeihung«, keuchte er heiser.

    Eilig schob Violet ihr Visier hoch. »Bitte bleiben Sie im Wagen, das ganze Viertel nahe Schloss Charlottenburg wird weiträumig abgesperrt. Schließen Sie die Autotür ab und lassen sie niemanden hinein!«, ermahnte sie eindringlich, musste sich jedoch erst laut räuspern, ehe der Mann ihrer Aufforderung nachkam. Zittrig sackte er zurück in den Wagen, ahnte vermutlich, dass es um mehr ging als einen kleinen Auffahrunfall.

    Noch einige Hundert Meter entfernt, dennoch von hier aus zu sehen, tobte ein Baulichtgewitter im Nebel der Dämmerung, das seinesgleichen suchte. Wie die größte Weltuntergangsparty Berlins – nur ohne Sirenen. Hoffentlich blieb es dabei.

    Violet fuhr an, diesmal ein wenig langsamer, um eine weitere Kollision zu vermeiden. Viel wusste sie nicht über das, was sie erwartete. Sie war nur Bezirkshexe und wurde zur Verstärkung gerufen – via moderne Push-Nachricht, samt altmodischer Zeichenbegrenzung. Die Einsatzleitung vor Ort verteilte Informationen nach eigenem Ermessen – und hatte sicher gerade alle Hände voll zu tun. Ein Q2. Dem Kürzel für eine halbe Katastrophe begegnete Violet in letzter Zeit zu oft – vor allem gefolgt von N-U. Nekrotisch. Untot.

    Genau wie die Gestalt, die über den Gehweg zu ihrer Rechten auf den Einsatz zurannte. Vorgebeugt im Sprint, die Arme schlackerten unkontrolliert am Leib, in der Eile schwer als Zombie zu erkennen, aber Violets Sinne waren geschult.

    Die Haare waren der Leiche ausgefallen, so auch die Augen, die Zähne – zum großen Glück eines Schaulustigen. Ein Mann am Straßenrand hatte offenbar seine Umwelt ausgeblendet, während er mit erhobenem Handy auf Zehenspitzen stand und gen Blaulichter starrte. Zumindest reagierte er nicht, als der Zombie seinen Kurs änderte, um sich auf den Passanten zu stürzen.

    Violet bremste scharf. Sie streckte die Hand in Richtung des Untoten aus, und so tat es auch das Wasser in der großen Pfütze auf dem Gehweg. Violet bot sich eine regennasse Straße – wenn sie wollte, wurde die ganze Welt zu ihrer persönlichen Wasserrutsche. Wellen bäumten sich auf – die Füße des Zombies blieben darin hängen, gerade, als er den Mann packen wollte. Ein Knöchel riss, das Baseballcap des Passanten flog durch die Luft, der Körper des Untoten fiel röchelnd zu Boden – und zerbrach. Augenblicklich verleibte sich die Pfütze unter ihm die Reste ein und zerteilte, was noch hätte laufen können.

    Doch an den Überresten vorbei eilte schon der nächste Zombie. Dunkelgraue, blutleere Haut, ausgelatschte Gartensandalen. Er ließ sich von den Gaffern nicht ablenken. Unbeirrt raste er in Richtung Blaulicht.

    Violet hatte keine Zeit für aufwendige Bannzauber. Die waren leider Vorschrift, denn Untote durften eigentlich nicht beschädigt werden. Aber was war schon eine Rüge wegen Sachbeschädigung im Vergleich zu infizierten Schaulustigen?

    Wasser hatte die Macht, Täler in Berge zu graben und Stahl zu schneiden – Fleisch bot keinen Widerstand. Wenige Gesten mit den Händen reichten aus, bis auch von diesem Zombie nicht mehr genug übrig war, was laufen, krabbeln oder kriechen konnte – trotzdem versuchte er es. Nun – ein einzelner Finger würde nie rechtzeitig vor Ort ankommen. Lediglich sein Engagement war bedenklich, wie das Verlangen nach Hirn des Kollegen. Für gewöhnlich reichte den Untoten ein Beutel Verpackungsflips, um ihre Leere zu füllen.

    »Scheiße«, zischte Violet. So stark war der Sog in Richtung Schloss bereits. Um wie viele Zombies handelte es sich wohl, wenn sich nicht nur eine Schwarmintelligenz samt dem dazugehörigen Hunger geformt hatte, sondern sie auch noch über einen Kilometer hinausreichte? Es könnten Dutzende auf dem Weg hierher sein, dem sogenannten Ruf folgend.

    »W-wie haben Sie …«, erklang eine bebende Stimme neben ihr.

    Der Mann, der eben fast Opfer des Untoten geworden wäre, war an sie herangetreten. Er zitterte am ganzen Körper. Unfähig, seine Hand ruhig zu halten, deutete er auf einen Kratzer an seiner Schulter. Der Zombie musste ihn doch noch mit dem ausgestreckten Arm erwischt haben.

    »Oh. Halb so wild.« Violet bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall, auch wenn ihr nun das Herz bis zum Hals klopfte. Aber auf den zweiten Blick konnte sie tatsächlich erleichtert aufatmen: keine schwarzen Ränder, nur ein Kratzer quer über die Schulter. Nekrotische Rückstände hätte sie mit viel Zeitaufwand aus der Wunde leiten müssen – Zeit, die sie nicht hatte und in der es zu mehr Wunden oder schlimmeren kommen könnte.

    »Halb so wild?« Der Mann keuchte. Sämtliches Blut war ihm aus dem Gesicht gewichen. Sicher war er gut genug informiert, was eine Verletzung durch einen Zombie bedeutete: Infektionen. Und zwar alle.

    So aufmunternd wie nur möglich, lächelte Violet und nickte. »Ich bin ja da!«, versicherte sie und hob ihre Hand an die Schulter des Fremden. »Wasserhexe. Neuerdings zuständig für den Bezirk Spandau. Und das hier – das habe ich schneller gereinigt und versiegelt, als jeder Zombie beißen kann.«

    Wäre sie ausgeschlafen gewesen, hätte sie den Untoten vielleicht früher bemerkt. Es handelte sich um einen Noteinsatz, sie sollte all ihre Kanäle für auch nur die kleinsten Schwankungen offen halten. Unweigerlich biss Violet sich auf die Unterlippe.

    Die Schuld half ihr, ihre Hexerei zu kanalisieren. Der arme Kerl trug die Kleidung eines Lieferunternehmens und sah vermutlich schon vor dem Vorfall so geschafft aus. Vielleicht war er aus purer Überforderung stehen geblieben. Seine braunen Haare ähnelten mehr einem Busch als der sicher sonst ordentlichen Kurzhaarfrisur. Dazu schwarze Schatten unter den Augen, die den Zombies in nichts nachstanden. Violet wusste: Sie gab ein ähnliches Bild ab.

    »He-Hexe?« Aber falls er vorgehabt hatte, zu protestieren, blieben ihm die Worte wohl nun im Halse stecken, denn er schnappte lediglich nach Luft. Mit glasigem Blick beobachtete er, wie sich seine Wunde schloss, nur weil Violet ein paarmal im Abstand von einigen Zentimetern mit der Hand darüberfuhr. Er bekam ja nicht mit, wie sie jede Zelle ansprach und ihr ein wenig Magie schenkte, um Kraft zu tanken. Sie verwob die Wunde praktisch durch ihr Wasser hindurch – es würde halten, bis der Körper die Hexerei durch eigene Heilung ersetzen würde. Alle Verunreinigungen, die eingedrungen waren, zog sie heraus, weshalb der Paketbote plötzlich leicht dampfte.

    »Alles gut.« Violet konnte nicht verhindern, dass sie etwas atemlos klang. Fokussierte Hexerei hatte Ähnlichkeit mit einem Work-out – es zog an den metaphysischen Muskeln. »Sollte eingedämmt sein, aber bitte suchen Sie trotzdem heute ein Krankenhaus auf.«

    »D-danke«, stammelte er, wollte wohl noch etwas sagen, doch sein Mund fiel zu.

    »Gern.« Dafür liebte Violet ihren Job – mit all dem Stress. Und sogar ihre die Albträume verursachenden Vorleben. Ihnen verdankte sie ihr Wissen und hatte genug Macht kultivieren können, um Heilkräfte zu entwickeln. Würde es sie nicht so viel kosten, sie wäre Ärztin geworden.

    Sie stieg vom Motorrad ab und griff zum Lenker, um es zu schieben. Migräne flammte hinter ihren Augen auf. Aber einmal im Fokus nutzte sie ihre Verbindung zum Wasser und sah sich nach weiteren Untoten um. Zumindest alles, was sie hier erblicken konnte, wirkte lebendig, war erfüllt von einer frischen Quelle – atmete –, leider sah sie weder Uniformierte, Absperrband noch Einsatzwagen.

    Um was für eine Katastrophe handelte es sich, dass nicht einmal Personal für die Sicherung der Straße übrig blieb? Unweigerlich rollte Violet mit den Augen. Sie kannte die Antwort auf ihre Frage.

    Vor drei Jahren standen sie ganz unten auf der Prioritätenliste – die sogenannten Zombies. Jeder Warnung zum Trotz stritten sich die großen Entscheidenden des Landes lieber darüber, ob Werwölfen zu Vollmond bezahlter Urlaub zustand oder nicht, statt die drohende Gefahr auch nur mit einer Fußnote zu beachten. Jetzt hatten sie den Fleischsalat. Und Violet in ihrem Amt als Bezirkshexe gleich mit – aber sie hatte den Jobwechsel ja unbedingt gewollt.

    Wenigstens hatten sich die Menschen hier wieder in ihre Autos verzogen – es hatte nur einen Angriff gebraucht. Violet war nicht gerade scharf auf eine Wiederholung.

    Langsam schob sie ihr Motorrad voran und behielt dabei die Straße ganz genau im Auge. Der Spandauer Damm – Schrecken des Berufsverkehrs, und das zu jeder Tageszeit – fast schon ein Q4 für sich. Sechs Spuren, gelegentlich geteilt von einem Grünstreifen, der zu dieser Jahreszeit qualvoll an matschigem Laub erstickte. Dazu gehörten natürlich eine zugeparkte Busspur und ein großzügiger Radweg, den immer dieser eine Möchtegernrennradler ignorierte, um möglichst viele Autofahrer einem Bremstest zu unterziehen.

    Die Häuser an der Straße sahen alle aus, wie aus der Gebäude-Restekiste gezogen, blanker Beton wechselte sich ab mit verdrecktem Stuck an Altbauten. Aber egal, wie hübsch oder hässlich die Häuser gestaltet waren, die Geschäfte hatten sich alle abgesprochen, auf jeden Fall mit dem den Stil zu brechen. Wer auf der Suche nach Schriftarten war, die man niemals verwenden sollte, wurde hier mehr als fündig. Man sehnte sich fast nach einem Imbiss in Comic San. Kurzum: eine typische Berliner Mischung. Fehlte lediglich ein Matratzen-und-Särge-Concord an der üblichen verwahrlosten Ecke, aber die hatte sich bereits ein Bestattungsunternehmen unter den Nagel gerissen. Lief vermutlich aufs Gleiche hinaus.

    Und am Ende, dort, wo der Spandauer Damm in die Otto-Suhr-Allee überging, der Kontrast aller Kontraste: Schloss Charlottenburg. Heute großzügig inszeniert von blauen Lichtern, die sich bis zu Violet in den Pfützen des vergangenen Regenschauers spiegelten.

    Auch das war gar nicht so ungewöhnlich für jene Straße.

    Violet atmete durch. Es schien, als bliebe ihr ein wenig Zeit zum Nachdenken. Zumindest, bis die Dämmerung nicht länger über die Hausdächer kroch, sondern den Himmel eroberte. Mit einer Sache hatten Romane und Filme recht: Der Nacht wohnte ein natürlicher Horror inne. Sie brachte stets einen Hauch Ableben mit sich, was den Ruf nur befeuern würde.

    Ein Zombie zu viel machte in einer hungrigen Horde den Unterschied. Ein Dutzend von ihnen zeigte zielgeführte Verhaltensmuster – über hundert Untote an einem Ort befähigten das Kollektiv zum Denken. Schwarmintelligenz führte zu Ideen, Kreativität. Das mussten sie unbedingt verhindern.

    Wieder das Klacken einer sich öffnenden Tür. Ein Smart, nicht so smart war die Entscheidung, jetzt auszusteigen. Die Frau hing am Handy und Gesprächsfetzen mit Entschuldigungen für das Zuspätkommen wehten an Violets Ohren.

    Es war, als bettelte die Stadt regelrecht nach ihren Katastrophen. Auf zehn Kilometern hinter ihr standen hupende Autos, die lange Hauptstraße verstopfend, sie füllten die Luft mit Abgasen und zogen mit ihrem Duft von Tod und Zerstörung nur noch mehr Untote an.

    Violet sah sich für Stunden Zombies zerteilend am Straßenrand stehend – aber das Team brauchte sie auch vor Ort. Sie konnte Ronja damit nicht allein lassen, die junge Hexe befand sich noch in der Ausbildung und lernte gerade erst Kontrolle über ihre Feuerkräfte. Leider war sie bisher die Einzige der Bezirkshexenden, die sich neben Violet zu diesem Einsatz gemeldet hatte. Nun, Charlottenburg war ja auch ihr Viertel. Und zugegeben, die magischen Katastrophen Berlins schliefen nie, theoretisch gab es immer irgendwo einen thaumaturgischen Notfall, zu dem man angefragt wurde.

    Eine weitere Wagentür quietschte. Im Auto neben der telefonierenden Frau kurbelte jemand ein Fenster runter. Köpfe tauchten zwischen den Fahrzeugen auf und zu allem Überfluss öffnete ein Bus seine Türen. Violet spürte, wie sie mit den Zähnen knirschte, sofort pochte erneuter Migräneschmerz durch ihren Schädel.

    »Prioritäten«, murmelte sie. Einen Bannkreis zu errichten, um die Zombies abzublocken, kostete sie Zeit, währenddessen konnten Untote frei passieren und die Leute weiter einen auf schaulustig machen. »Also zuerst die Gaffer.«

    Man sollte meinen, nach dem Outing der magischen Gesellschaft vor einigen Jahrzehnten, hätte der Mensch eine gewisse Vorsicht gegenüber thaumaturgischen Noteinsätzen entwickelt, aber Magie war einfach zu schwer zu begreifen, sogar für Violet und ihre paar Dutzend Vorleben als Hexe.

    Hatte sie vorhin nicht selbst mit den Augen gerollt, als der Notruf eingegangen war – und sie arbeitete wie lange als Bezirkshexe – keine zwei Wochen? Natürlich hatte sie auch als Gleichstellungsbeauftragte ausgeholfen, vor allem beim Aufräumen. Ein wenig zu oft, wie es schien. Irgendetwas stimmte nicht mit Berlin. Es begann überhandzunehmen. Das absonderliche Amt für Andersartige wusste so langsam nicht mehr, was es der Presse noch sagen sollte – so, wie Violet nicht wusste, wie sie die Schaulustigen gewaltfrei von der Straße bekam.

    »Bitte steigen Sie wieder ein!«, rief sie über die Autos hinweg. Ihre Stimme verhallte im Lärm und auch ihr darüber frustriertes Ächzen ging völlig unter. Zu oft hatte man sie in ihrer Kindheit ermahnt, nicht so laut zu sprechen. Sie würde immer so schreien. Gerade als Mädchen »machte man« das nicht. Wenn Frau dann vierunddreißig Jahre daran gearbeitet hatte, so zu klingen, wie die Gesellschaft sich das von Frau wünschte, verlor man die Fähigkeit, mehr als zwei stehende Autos mit brummendem Motor zu übertönen. Außerdem ging Violet auch mit Motorrad dank ihrer 1.60 in dem Gewusel unter.

    Ästen gleich ragten Arme aus Autofenstern empor und in den Händen blitzten die Displays diverser Smartphones auf. Auch Menschen besaßen eine Art Schwarmintelligenz, falls man das so nennen wollte. Fing einer an zu filmen, machten alle anderen mit.

    »Scheiß verdammtes TikTok.« Schuldig, ebenfalls so manche Stunde auf jener Videoplattform zu versumpfen, wusste Violet nur zu gut um die Anziehung. Seit der Viralität von übernatürlichen Ereignissen hatte sich die Zahl der Gaffer deutlich erhöht. #IchUndDieHorde. Während unter den Untoten leider nur Fremdhirn im Trend war. Die interessierten sich dabei jedoch nicht für Viralität, sondern Vitalität.

    Und davon hatte es hier im Überfluss. Umso trauriger, dass die Leute ihre graue Masse offenbar nur für weniger besonnene Entscheidungen nutzten. Für diesen fiesen Gedanken biss sich Violet auf die Unterlippe – Gereiztheit überfiel sie, zerrte an dem letzten Rest ihrer Nerven. Wie sie das hasste. Auf Überlastung reagierte ihr Körper unterschiedlich. Heute mit Wut. Gerade wollte sie am liebsten jemanden anschreien. Nicht, dass sie das je schon mal getan hätte – aber vielleicht war das jener Tag. Denn bei allen Himmeln und Höllen – das konnte doch nicht deren Ernst sein: Auf der Straße tummelten sich inzwischen mehr Leute als auf so manchem Stadtfest.

    Das musste aufhören, und zwar sofort.

    Nun, es gab da durchaus eine Möglichkeit, wie sie die Menschen in ihre Autos zwingen konnte. Sie war unschön, aber … Und außerdem müsste sie dafür Wasser lenken und gleichzeitig einen Bannkreis konstruieren – beides auch noch aufrechterhalten. Selbst an guten Tagen besäße sie nicht den notwendigen Fokus, nur es blieb ihr wohl …

    Ein mechanischer Gong erklang aus ihrer Jacke – Violet fror augenblicklich ein. Es war dieser eine Nachrichtenton, den schon uralte Handys nutzten und dessen Durchsetzungskraft ihn auch heute noch beliebt machte. Vor allem für Nachrichten, die man nicht verpassen durfte.

    Hastig zerrte Violet das Gerät aus der Innentasche. Der sie eben plagende Lärm der Straße wich einem Nebel, er legte sich wie Watte um ihren Kopf.

    Plötzlich war es Ende letzten Jahres. Plötzlich waren sogar die Momente zwischen den Plusschlägen erfüllt mit dem Rauschen ihres rasenden Herzens. Als Violet zitternd auf ihr Smartphone starrte, leuchtete ihr: »Ist alles okay?«, in weißen Buchstaben auf dunkelgrauem Grund entgegen.

    Ophelia schrieb ihr sonst nie auf dem Diensthandy. Hatte sie die Nachrichten gesehen? War es so schlimm? Aber es blieb bei der Frage. Kein Zusatz. Violet musste sich zwingen, tief durchzuatmen.

    Alles ist gut. Es ist vorbei. Es wird Ophelia nur noch gut gehen. Dieses miese Schwein wird nie wieder in ihre Nähe gelangen – und Violet nie wieder durch halb Berlin rasen müssen, um ihrer Freundin beizustehen.

    Was sollte sie ihr schreiben? Violet runzelte nachdenklich die Stirn, es fühlte sich an, als zerbräche ihr dabei das Gesicht – sie war so unendlich angespannt, fragil wie Glas – immer noch. Ein Klingelton reichte aus und … Violet ächzte.

    »Hier ist alles okay, wird ein langer Abend«, tippte sie eilig zurück, verdrehte dabei mehrfach die vor ihren Augen hüpfenden Buchstaben und musste mit der Autokorrektur kämpfen, ehe ein lesbarer Satz zustande kam. »Aber alles gut. Mir geht es gut«, versprach sie rasch und schickte zu ihrem eigenen Entsetzen einen Zwinker-Smiley, weil die gelben Kugelköpfe ebenfalls verschwommen herumtanzten und sie den falschen erwischte.

    »Brb?«, kam es prompt zurück.

    »Brb«, antwortete Violet. Be right back. Wie oft sie sich das in ihren Chat-Abenden geschrieben hatten, als sie noch so weit voneinander entfernt gewohnt hatten. Hundert Nächte, bis sich das »brb« nicht erfüllt, Violet sich auf ihr Motorrad gesetzt hatte und … Sie ächzte wieder.

    An dem Abend war es zu einem Versprechen geworden.

    Be right back.

    »Einatmen. Ausatmen«, befahl Violet sich selbst und hob sofort den Kopf.

    Vor ihr die Straße. Ein Noteinsatz. Und sie? Nicht bei der Sache. Blinzelnd sah sie sich um.

    Stehende Autos. Dampfende Motoren. Violets Lungen füllten sich mit Abgasen. Zudem roch es leicht modrig nach Herbst und Gully.

    Neben einer Werbetafel stand ein kopfloser Untoter im Anzug samt Regenschirm. Laub wirbelte im Wind um ihn herum auf. Der Mülleimer daneben quoll über und Verpackungsreste einer Fastfood-Kette zierten den Gehweg.

    Vor Violet hupte jemand laut – und obwohl sie bereits erfüllt war von eiskaltem Adrenalin, riss der Schreck über das Geräusch sie endlich aus der Trance.

    Blinzelnd starrte sie auf ihr Handy.

    Eine Option hatte sie bisher noch nicht in Betracht gezogen. Mochte Ronja heute ein kleines Wunder gelingen.

Das Urban-FUNtasy Universum

Tatsächlich war die magische Welt enthüllt und niemandem fiel es auf. Von dem übernatürlichen Treiben der thaumaturgischen Gesellschaft bekam der normale Mensch nur wenig mit. Vampire feierten dank Büchern und Filmen ein gelungenes Comeback und erfreuten sich großer Beliebtheit. Dabei vergaß die Menschheit gerne die grausige Vergangenheit der Untoten und all die Probleme mit dem Blut, das sie benötigten. Manch einer munkelte, die Vampire hätten die kitschigen Romanzen und schmalzigen Romane selbst verfasst, damit sie endlich ins Rampenlicht treten konnten, doch welcher Blutsauger schrieb schon freiwillig ein Buch über einen glitzernden Dracula?

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Aber wenn es um die einfachen Wesen ging, wie Kobolde, letzte Einhörner und verfaulende Zombies, dann sah der Mensch durch sie hindurch, grüßte sogar den Oger aus der Nachbarschaft freundlich und wunderte sich nur über den kräftigen Händedruck. Für das Outing des heimischen Gartenkobolds hatte niemand eine Pressekonferenz einberufen und er fand auch keine Erwähnung in Lehrbüchern. Er war irrelevant und uninteressant, sogar für die magische Gemeinschaft. Dabei stellten viele Leute billige Tonkopien der Kobolde liebevoll in ihren Gärten auf. Mit kleinen Gießkännchen und Schubkarren. Nun, ein echter Gartenkobold nutzte solche Geräte allenfalls zum Töten.

Den Zeitungen über Kornkreise, sprechende Katzen und brennende Betten glaubte niemand – wenn, dann hielt sich der Mensch an einer flachen Erde, Akasha-Säulen aus Plastik und Echsenmenschen auf. Was in den Ohren einer Hexe viel verrückter klang als das Rumpelstilzchen. Das hatte wirklich einst existiert, oder tat es noch. Das wusste niemand so genau.

Zudem gab es kaum Hexende – daran war nicht nur die Kirche mit ihren Hexenjagden schuld – diese Art Begabung war einfach selten. Auch in anderen Teilen der Welt, fern des christlichen Einflusses, waren sie rar. Deshalb war ihre gezwungene Aufpasserrolle auf übernatürliche Wesen besonders fordernd.

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Zombies fanden sich leider haufenweise, wortwörtlich zu verstehen, denn nicht jeder Untote wankte durch die Straßen. Manchmal waren es nur Körperteile, aufgetürmt zu Hügeln, die mit dem Zucken nicht aufhören wollten. Und so lange niemand die Papiere unterschrieb, durfte man die modrigen Überreste nicht verbrennen. Meistens hing die Familie noch an ihnen, auch das teilweise wortwörtlich. Untote erschufen sich nicht von selbst. Es gab genug Scharlatane, die in ihren TV-Sendungen die Wiederbelebung von schmoddrigen Zombies versprachen. Und es waren verzweifelte Angehörige, die auf einen solchen falschen Magier hereinfielen. Teleshopping zur Festtagszeit war kaum zu ertragen:

„Für nur 299,99 erhalten Sie unser praktisches DIY-GräberExUndRaus-Paket, gratis dazu gibt es Schlafmaske und Duftspray. Dieser Deal gilt nur noch heute! Bringen Sie Oma und Opa zurück an den Weihnachtstisch!“

Kümmerten sich Bewährungshexende um solche selbstverschuldeten Zombies, dann waren die fauligen Gesellen der angenehme Part des Jobs. Die Familien dahinter, die Lebenden – das bedeutete immer Ärger, und Ärger führte zu Formularen, Formulare zu Anträgen, Anträge zu Aktenordnern, Heftern, Büroklammern, Stempeln, Abteilungen, Bewilligungen, Telefonaten. Am Ende stand man vor wütenden Angehörigen und schuld war die Bürokratie.

Einige sehen das als eine Strafe dafür, dass diverse Hexen früher ihre Macht missbraucht hatten. Ihnen war es zu verdanken, dass es Portale für Dämonen gab, der Vampirfluch existierte, Werwölfe den Mond anheulten und so vieles mehr. Irgendwie waren die Hetzjagden und die Scheiterhaufengeschichte verständlich, unglücklicherweise konnten nur Hexende ihre Hexereien aufheben. Alle Übriggebliebenen stellte man deshalb automatisch in den Staatsdienst. Eine wundervolle Methode, ihre Macht zu kontrollieren.

  • Stell dir vor, alle Mythen und Sagen sind wahr - genau so bananas ist das Worldbuilding

  • Es geht um Liebe, aber nicht nur um Romantik, sondern auch der Liebe zu sich selbst

  • Violets Charakterentwicklung steht im Buch zu Beginn im Fokus

  • Eine Wasserhexe, die mit ADHS und Autismus struggelt - nein, dafür gibt es keinen Zauberspruch

  • Wesen mit den unterschiedlichsten Eigenschaften finden zusammen und supporten sich

  • Meine Charaktere sind so divers wie mein Umfeld

  • Das Buch hat seinen Humor, ist aber keine Sitcom, wie Mona es war

  • Wenn emotionale Entwicklung und Verlieben aufeinandertreffen, wird es kitschig

  • Violets Vergangenheit und ihre Sehnsüchte machen sie sehr melancholisch

  • Thanatos ist ein Totengott und das Thema Tod zieht sich durch die ganze Geschichte

  • Drama ja, aber: kein Streit, keine Missgunst, keine Eifersuchtsanfälle oder Missverständnisse

  • Es zerreißt den ein oder anderen Zombie, Verletzungen werden grob beschrieben

Inhaltsmeter

Urban Fantasy
Romance
Charakterentwicklung
Leben mit ADHS / Autism
Found-Family
Divers & Cozy Queer
Humor
Kitsch
Melancholie
Tod
Drama
Gewaltdarstellung

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Gewichtung der Inhalte

Achtung: Mild Spoiler

Detailliertes Beschreiben und Erleben von: Burn-out, Depression, ADHS, Autismus, Todessehnsucht, Verlust, Angst, Panik, Hilflosigkeit, Selbstaufgabe, Zombies und bisschen Body-Horror, Diskriminierung.

Erwähnung von: häuslicher Gewalt, toxischen Ex-Beziehungen, Folter, Freiheitsberaubung.

Kapitel 24 enthält eine mäßig detaillierte einvernehmliche Sexszene.

Kontext und Trigger der einzelnen Charaktere:

Der Hauptcharakter Violet hat aufgrund von Überarbeitung, zu vielen nicht verarbeiteten Vorleben, Überstrapazierung ihrer Möglichkeiten im Rahmen von ADHS und Autismus einen neurologischen Burn-out. Dessen ist sie sich bewusst, arbeitet aktiv daran, neue Wege für sich zu finden, und wird im Laufe des Buches immer wieder entsprechende Erkenntnisse für sich gewinnen. Ganz ohne Verzweiflung geht das natürlich nicht vonstatten. Violet hat einige Trigger, die mehrfach im Buch vorkommen.

Der andere Hauptcharakter des Buches hat eine hyperfunktionelle Depression, und es gibt Szenen, in denen diese emotional und thematisch zum Tragen kommt – er getriggert wird. Er wird mit dem jedoch nicht allein gelassen und diese Momente werden bewältigt.

Das Buch behandelt das Thema Tod auf viele verschiedene Arten und Weisen. Auch wenn die Hauptcharaktere eine gewisse Sehnsucht nach dem Ende ihres Kummers verspüren, ist der Tod für sie eigentlich keine Option. Es wird vielmehr nach den schönen Dingen des Lebens gestrebt – jedoch findet das immer wieder im Zusammenhang mit depressiven Gedanken statt. All das wird stets aufgelöst und gewandelt.

Zudem sterben im Buch Personen, sowohl gezeigt als auch nur erwähnt.

Sexismus, Ableismus, Diskriminierung, Rassismus, Queerfeindlichkeit finden Erwähnung, aber nicht im Erleben, sondern nur in der Kritik von Charakteren am System. Es gibt lediglich kleine Szenen, in denen die Auswirkungen unserer Gesellschaft spürbar sind, da nahezu alle Charaktere von Diskriminierung betroffen sind.

Eine Person hat Erfahrung mit häuslicher Gewalt hinter sich, das wird jedoch nur zwischen den Zeilen erwähnt und in keiner Form beschrieben. Die Auswirkungen auf die Freundschaft zwischen Hauptcharakter und betroffenem Nebencharakter, die all das gemeinsam überstanden hat, sind aber noch spürbar und ihre Trigger entsprechend beschrieben.

Folter und Freiheitsberaubung werden nicht beschrieben, sondern auch nur erwähnt, haben aber emotionalen Einfluss auf ein Gespräch, einen Charakter und die Szene.

Die Sexszene kann einfach übersprungen werden. Sie ist zwar für die Charakterentwicklung und einige spätere Gespräche durchaus relevant, aber der Kontext sollte sich dort von selbst ergeben. Es wurde keine sonderlich explizite Sprache genutzt. Die Szene dient der Story und nicht der reinen Unterhaltung.

Fragen, Anmerkungen, Tippfehler gefunden etc.

Auch wenn gewisse Szenen erklärt werden sollen, bezüglich eventueller Trigger etc. einfach anschreiben